Kein schner Geburtstag 11FREUNDE

Ekstase im Carl-Benz-Stadion. Nach nicht einmal vier Minuten hatte Alexander Rossipal die Drittliga-Truppe von Waldhof Mannheim am Mittwochabend in Führung geschossen – und das im DFB-Pokalspiel gegen Bundesligist Union Berlin. Umso bemerkenswerter, da es in Mannheim kurz vor der Partie ziemlich hektisch geworden war. Die Klubführung hatte sich den frühen Nachmittag ausgesucht, um die Entlassung des Sportlichen Leiters Jochen Kientz bekanntzugeben und damit in Kauf genommen, die Vorbereitung der Mannschaft empfindlich zu stören. Doch die Profis nahmen die Nachricht offenbar mit einem Schulterzucken hin. Auch nach Unions Ausgleich wehrten sie sich mit allem, was sie hatten. Das reichte zwar nicht ganz, doch musste sich in Mannheim sicher niemand für das Ausscheiden in der Verlängerung schämen.
Trotzdem bleiben Fragen: Was ist los beim Waldhof? Und vor allem: Wie dringend wollte der SVW Kientz loswerden, wenn die Bekanntmachung der Entlassung nicht einmal bis zum späten Abend warten konnte? Klar scheinen zunächst nur die Bestandteile des Ärgers: Ein zerrüttetes Verhältnis zweier Führungskräfte, eine Geburtstagsfeier und ein Corona-Ausbruch in der Mannschaft.
Ist Kientz nur „ein Bauernopfer“?
Als zerrüttet gilt schon seit längerer Zeit die Beziehung zwischen SVW-Geschäftsführer Markus Kompp und dem nun geschassten Sportlichen Leiter Jochen Kientz. Ein Konfikt, der in der Stadt Wellen schlug. Für die Waldhof-Fans war die Sache indes klar, wie auf Kompp abzielende Schmähgesänge während des Liga-Heimspiels gegen Zwickau zeigten. Auch ein präsentiertes Plakat ließ keine Zweifel an der Haltung des Anhangs. „Die eigenen Fehler immer verkannt. Stets ein Bauernopfer zum Sündenbock ernannt“, hieß es darauf. Beim Spiel gegen Union wurde die Wortwahl dann noch deutlicher, ein Banner forderte sogar die Entlassung Kompps. Die Fans hatten sich also auf die Seite Kientz‘ geschlagen, dessen Verdienste nicht vergessen sind – immerhin war er schon Sportlicher Leiter, als 2019 die langersehnte Rückkehr in den Profifußball glückte.
Die Vermutung liegt nahe, dass Kompp einen internen Machtkampf für sich entschieden hat und Verlierer Kientz die Bühne räumen musste. Doch so einfach ist es nicht. Zumindest, wenn man der Vereinsmitteilung glauben möchte, mit der Mannheim die Entlassung verkündete: „Aufgrund jüngerer Entwicklungen möchte der Aufsichtsrat darauf hinweisen, dass Jochen Kientz freigestellt wurde und diese Freistellung von Jochen Kientz alleine die Entscheidung des Aufsichtsrates war und nicht die des Geschäftsführers. Die Entscheidung wurde im Aufsichtsrat getroffen – dort im Übrigen einstimmig.“
Kein Zweifel: Der SVW wollte die These des Machtkampfes in der sportlichen Führung unter keinen Umständen stützen. Doch stellten die Spannungen zwischen Kientz und Kompp eben nur eines der Themen dar, die vor der Entlassung in Mannheim hochgekocht waren. „Es sei allerdings betont“, so die Mitteilung weiter, „dass weder angebliche Zerwürfnisse zwischen dem sportlichen Leiter und dem Geschäftsführer noch eine ‚Geburtstagsfeier‘ des sportlichen Leiters die Freistellung veranlasst haben.“ Was hat es mit der Geburtstagsfeier auf sich?
„Ja, es hatte etwas damit zu tun“
Kientz, am 17. September 49 Jahre alt geworden, hat sich kürzlich erklärt. Denn im Anschluss an seine Feier, wurden zahlreiche Mannheimer Spieler positiv auf das Coronavirus getestet. Das Spiel bei 1860 München musste verlegt werden. Kientz sagte zu der Party bei „Magenta Sport“: „Ja, die habe ich initiiert, aufgrund der Tatsache, dass ich Geburtstag hatte. Es war aber kein Mannschaftsabend. Es war mittags um 15 Uhr, damit wir alleine sind, und es war auch nur ein Kellner … Ich bin da auch sehr streng, weil ich familiär selbst schwer betroffen war. Deswegen bin ich da sehr strikt und habe in meinem Arbeitsbereich alles so gemacht, wie es sich auch gehört.“ Bei Kientz‘ Entlassung soll all das jedoch keine Rolle gespielt haben.
Unglücklich nur, dass kurz nach Bekanntwerden der Freistellung ein weiterer Akteur sein gewichtiges Wort einbrachte: Großunternehmer Bernd Beetz, der als Mäzen und Präsident beim Waldhof wirkt. Im „Sky“-Interview vor dem Pokalspiel sagte er: „Es gab einen Vorfall und es gibt Dinge, die entschieden werden müssen.“ Prompt folgte die Nachfrage, ob die Serie an Coronafällen mit der Entscheidung gegen Kientz in Verbindung zu bringen sei. Beetz’ Antwort: „Ja, es hatte etwas damit zu tun. Ich möchte aber nicht auf Details eingehen. Es ist viel kolportiert worden in der Presse, vieles entspricht nicht den Fakten. Es gibt eben auch Prozesse, wo man an bestimmte juristische Dinge gebunden ist. Die werden wir Stück für Stück aufklären.“
Die Aussagen des Mannheimer Präsidenten haben nicht gerade zur Stärkung der eigenen Darstellungen rund um die Kientz-Entlassung beigetragen. Und so stehen weiterhin viele Vermutungen im Raum. Eine lautet: Der Waldhof hat sich mit der Entlassung und der folgenden Posse keinen Gefallen getan. Immerhin hat Kientz in den letzten vier Jahren maßgeblich am Aufschwung der auch in dieser Saison starken Mannheimer mitgewirkt. Zudem dürfte sich die Unruhe bei den Buwe noch eine ganze Weile halten. Bleibt zu hoffen, dass sich die Mannschaft weiterhin unbeeindruckt zeigt.
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