Ich wollte die Welt entdecken

Publish date: 2024-10-30

Heiner Back­haus, Sie müssten eigent­lich ein gefragter Mann gewesen sein in den letzten Tagen.

Heiner Back­haus: Wirk­lich? Davon habe ich nicht allzu viel gemerkt.

Dabei gibt es keinen Fuß­baller, der in seiner Kar­riere beim FC Schalke 04 und dessen heu­tigem Gegner AEK Lar­naka aus Zypern gespielt hat.

Heiner Back­haus: Ja, das stimmt. Ich hatte in Zypern eine Wahn­sinns­zeit. Dort habe ich, dass Fuß­ball wieder Spaß machen kann. Der war mir in Deutsch­land gehörig ver­gangen. Aber ich bin und bleibe Schalker, habe dort ins­ge­samt acht Jahre in der Jugend gespielt. Königs­blau ist und bleibt mein Lebens­ge­fühl.

Wenn man Ihren Kar­rie­reweg ver­folgt, fällt einem die Kinn­lade runter. Sie sind erst 29, doch wenn man Wiki­pedia glauben mag, haben Sie auf Zypern, in Malta und in Hong­kong gespielt…

Heiner Back­haus: Und da fehlen noch drei, vier Sta­tionen. Ich war auch in Aus­tra­lien und Saudi-Ara­bien unter Ver­trag, zwi­schen­durch habe ich immer wieder ver­sucht, in Deutsch­land Fuß zu fassen. Aber das ist jedes Mal kläg­lich geschei­tert. Und spä­tes­tens nach einem halben Jahr packte mich sowieso wieder das Fernweh. Ich bin ein Frei­geist, spreche einige Spra­chen flie­ßend und irgend­wann habe ich ein­fach rea­li­siert, dass mein Talent nicht für die Bun­des­liga reicht. Viel­leicht hat mir auch ein­fach der Glaube an meine eigene Stärke gefehlt. Eines Tages habe ich mir dann die Frage gestellt: Willst du dich in der zweiten oder dritten Liga kaputt machen lassen, wenn du durch den Fuß­ball die ganze Welt ent­de­cken kannst?“ Also habe ich die Flucht nach vorne ange­treten.

Ist Ihre Bio­gra­phie die Geschichte des Jungen, der mit einem Ruck­sack auszog, um die Fuß­ball­welt zu erobern?

Heiner Back­haus: Eher nicht, ich hatte sicher­lich ein paar aben­teu­er­liche Jahre, aber alles in allem ging es bei jeder Sta­tion pro­fes­sio­nell zu.

Dabei waren Sie in der der Saison 2001/02 fast oben ange­kommen. Sie wurden bei Han­nover 96 im Zweit­li­ga­spiel gegen Unter­ha­ching ein­ge­wech­selt.

Heiner Back­haus: Da habe ich kurz gedacht, ich hätte es geschafft. Ich war 21 und wollte in die Bun­des­liga. Aber ich habe eben irgend­wann gemerkt, dass es ein­fach nicht reicht. Ich war jung und ein Denker, diese Kom­bi­na­tion war um die Jahr­tau­send­wende über­haupt nicht gefragt. Junge Spieler musssten damals erst extrem viel inves­tieren, um in einer Mann­schaft über­haupt ernst genommen zu werden. Jungen Spie­lern wurde doch damals gar kein Raum gegeben, um sich frei zu ent­falten. Flache Hier­ar­chie, das war damals ein Fremd­wort.

Haben Sie ein Bei­spiel?

Heiner Back­haus: Mit 19 habe ich bei Rot-Weiss Essen gespielt. Ich wollte alles richtig machen. Also war ich immer eine Stunde zu früh beim Trai­ning. Das war zwangs­läufig so, weil ich kein Auto hatte und mit Bus und Bahn zum Trai­ning musste. Jeden Tag 45 Minuten hin und zurück. Wie gesagt, ich war immer der Erste. Da hat nie einer was gesagt, mal meinen Ein­satz gelobt. Aber nur ein ein­ziges Mal kam ich drei Minuten zu spät. Es gab ein Rie­sen­theater in der Kabine, lauter dumme Sprüche, ich wurde ein­fach links liegen gelassen. Es wirkte, als hätte die Mann­schaft darauf gewartet, dass ich einen Fehler mache.

Klingt im ersten Moment eher nach klas­si­schem Kabi­nen­humor.

Heiner Back­haus: Das mag sein, aber meiner Mei­nung nach hatte das System. Noch ein Bei­spiel: Ich habe in Essen jedes Sai­son­spiel gemacht und als ich mich nach dem zehnten Spieltag das erste Mal auf die Mas­sa­ge­bank gelegt habe, kamen sofort fünf ältere Spieler und haben mich da run­ter­ge­holt. Und das nicht unsanft.

So etwas nennt man heute Mob­bing.

Heiner Back­haus: Es ist mir egal, wie man das nennt. Ich bin damit jen­de­falls über­haupt nicht klar gekommen. Dieser Druck, diese stän­digen Sti­che­leien, bloß keine Schwäche zeigen. Außerdem war ich ein­fach zu unge­dulig. Ich hatte keine Lust auf diese Spiel­chen und habe auch immer schön Contra gegeben. Das kam gar nicht gut an und so war ich ganz schnell ver­brannt. Irgend­wann hatte ich davon ein­fach genug. Also fragte ich mich eines Tages: Warum soll ich mir diesen Scheiß hier in Deutsch­land noch antun?“ Ich packte meine Sachen und ging nach Zypern.

Und lan­deten 2003 bei AEK Lar­naka. Des­wegen die Frage an den Experten: Wie gut ist der Fuß­ball Marke Zypern heute?

Heiner Back­haus: Die Auf­he­bung der Aus­län­der­regel hat den Fuß­ball auf Zypern massiv ver­än­dert. Bei Lar­naka zum Bei­spiel spielt doch gar kein Zypriot mehr in der Startelf. Mit Jordi Cruyff haben sie einen richtig guten Mann als Manager, auch der Trainer Ton Caanen ist klasse. Die gesamte Liga ist durch den Struk­tur­wandel stärker geworden. Das wird heute sicher kein Selbst­läufer für den FC Schalke.

Was erwartet die Schalker in Lar­naka von den Rängen?

Heiner Back­haus: AEK ist ein bür­ger­li­cher Verein, der sich in den neun­ziger Jahren aus zwei anderen Ver­einen gebildet hat. Der Klub hat damals lange gebraucht, um über­haupt Fans ins Sta­dion zu bekommen. Nach dem Pokal­sieg 2004 bekommt der Klub aber immer mehr Zulauf. Der Klub ist von der Fan­kultur viel­leicht ver­gleichbar mit Bayer Lever­kusen, aber kei­nes­falls mit Schalke, Dort­mund oder den Bayern. Als Bei­spiel: Als ich bei Jahre später Olim­piakos Nikosia gespielt habe, waren da oft mehr Zuschauer beim Trai­ning als bei einem Spiel von AEK. Was auch zu beachten ist: Auf Zypern ist der Fuß­ball ein Pol­tikum.


Das heißt?

Heiner Back­haus: AEK ist ein Klub der rechten Partei und damit meine ich das bür­ger­liche Milieu, nicht, dass wir uns da falsch ver­stehen. Das klingt übel, ist aber nicht mit den Ver­hält­nissen in Deutsch­land zu ver­glei­chen. Der Prä­si­dent von AEK ist zudem ein richtig Ver­rückter. Der hat mal in vier Jahren 120 Trans­fers durch­ge­wunken, Geld war über­haupt kein Pro­blem. Was fehlte, war der Plan. Teil­weise haben Spie­ler­be­rater selbst die Ver­träge mit ihren Spie­lern gemacht. Dann ist der Klub 2009 abge­stiegen und stand vor einem Scher­ben­haufen.

Wie kam es dann zum Auf­stieg bis in den Euro­pa­pokal?

Heiner Back­haus: Man hat bei AEK ein­fach gemerkt, dass es so nicht mehr weiter geht. Des­wegen hat man lieber einmal richtig Geld in die Hand genommen und sich einen ganz hellen Kopf als Manager geholt: Jordi Cruyff. Seit seiner Ankunft wird bei dem Klub sys­te­ma­tisch gerar­beitet: Zum Bei­spiel mit punk­tu­ellen Ver­pflich­tungen, hinter dem Verein steckt plötz­lich eine Idee. Ein Jahr nach dem Auf­stieg lan­dete man auf Platz vier und erreichte das Pokal­fi­nale. Nun steht der Klub in der Europa League. Das ging rasend schnell.

Auf Zypern hat ein anderer Deut­scher Jahre vor Ihnen gute diplo­ma­ti­sche Dienste geleistet: Rainer Rauff­mann. Haben Sie ihn kennen gelernt?

Heiner Back­haus: Dank Rainer sind wir deut­schen Fuß­baller auf Zypern sehr beliebt. Ich war zuletzt in Nikosia und da haben mich die Leute auf der Straße sogar wie­der­erkannt. Das ist ein tolles Gefühl, wenn plötz­lich ein wild­fremder Mann ein Foto mit dir machen will. Aber das ist alles kein Ver­gleich zu dem Hype um Rainer. In meiner Zeit in Nikosia haben wir sehr viel gemeinsam unter­nommen. Er ist ein Phä­nomen, weil er sich immer den Blick aufs große Ganze bewahrt hat. Wir sind gewis­ser­maßen Brüder im Geiste: Durch sport­li­chen Miss­erfolg war er in Deutsch­land kli­nisch tot. Er hat dann seiner Heimat den Rücken gekehrt, weil man ihn dort nicht mehr haben wollte. Und er hat den Mut gehabt nach Zypern zu gehen, obwohl das Land zu seiner Zeit ein fuß­bal­le­ri­sches Ent­wick­lungs­land war. Heute tragen sie ihn auf Händen. Er weiß wahr­schein­lich selbst nicht mehr, wann er zum letzten Mal in einem Restau­rant bezahlt hat.

Zypern, Hong­kong, Aus­tra­lien: Sie haben die halbe Welt gesehen. Welche Kar­rie­re­sta­tion war denn Ihre schönste?

Heiner Back­haus: Ganz klar, mein Jahr in Malta beim FC Val­letta. Es war ein­fach traum­haft. Ich war Stamm­spieler und wir holten die erste Meis­ter­schaft seit Jahren für den Klub. Es hat ein­fach alles gepasst. Wir haben nur das erste Sai­son­spiel ver­loren, danach alles gewonnen, im Win­ter­trai­nings­lager haben wir sogar Juventus Turin geschlagen. Von diesen Erleb­nissen zehre ich noch heute.

Sie haben beim FC Schalke in der Jugend gespielt, werden Sie beim Spiel zwi­schen S04 und Lar­naka einen alten Mann­schafts­kol­legen aus jungen Jahren wie­der­sehen?

Heiner Back­haus: Sergio Pinto und Chris­toph Met­zelder haben damals auch bei S04 gespielt. Aber Met­zelder haben sie nach einem Jahr wieder weg­ge­schickt, weil er zu schlecht war. Eigent­lich wider­sprüch­lich, denn später wurde er Natio­nal­spieler und ging zu Real Madrid. Heute ist er wieder zurück auf Schalke. Daran kann man es mal sehen: Nicht jeder, der vom Hof gejagt wird, ist eine Pfeife.

Lassen Met­zelder und Co. AEK über­haupt eine Chance?

Heiner Back­haus: Die Mann­schaft von AEK ist gut besetzt. Da stehen elf Mann auf dem Platz, die auch schon in Län­dern wie Hol­land oder Por­tugal Erst­li­ga­er­fah­rung gesam­melt haben. Das ist eine rich­tige Drecks­truppe, da langt jeder richtig zu. Hinten steht Kevin Hof­land drin, ein Mann wie eine Mauer, der sich mit seinen zwei Metern in jeden Ball rein­haut. Wenn Schalke meint, das heute Abend locker nach Hause spielen zu können, dann werden die sich aber umgu­cken. Da wird es richtig auf die Socken geben.

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