Ich wollte die Welt entdecken

Heiner Backhaus, Sie müssten eigentlich ein gefragter Mann gewesen sein in den letzten Tagen.
Heiner Backhaus: Wirklich? Davon habe ich nicht allzu viel gemerkt.
Dabei gibt es keinen Fußballer, der in seiner Karriere beim FC Schalke 04 und dessen heutigem Gegner AEK Larnaka aus Zypern gespielt hat.
Heiner Backhaus: Ja, das stimmt. Ich hatte in Zypern eine Wahnsinnszeit. Dort habe ich, dass Fußball wieder Spaß machen kann. Der war mir in Deutschland gehörig vergangen. Aber ich bin und bleibe Schalker, habe dort insgesamt acht Jahre in der Jugend gespielt. Königsblau ist und bleibt mein Lebensgefühl.
Wenn man Ihren Karriereweg verfolgt, fällt einem die Kinnlade runter. Sie sind erst 29, doch wenn man Wikipedia glauben mag, haben Sie auf Zypern, in Malta und in Hongkong gespielt…
Heiner Backhaus: Und da fehlen noch drei, vier Stationen. Ich war auch in Australien und Saudi-Arabien unter Vertrag, zwischendurch habe ich immer wieder versucht, in Deutschland Fuß zu fassen. Aber das ist jedes Mal kläglich gescheitert. Und spätestens nach einem halben Jahr packte mich sowieso wieder das Fernweh. Ich bin ein Freigeist, spreche einige Sprachen fließend und irgendwann habe ich einfach realisiert, dass mein Talent nicht für die Bundesliga reicht. Vielleicht hat mir auch einfach der Glaube an meine eigene Stärke gefehlt. Eines Tages habe ich mir dann die Frage gestellt: „Willst du dich in der zweiten oder dritten Liga kaputt machen lassen, wenn du durch den Fußball die ganze Welt entdecken kannst?“ Also habe ich die Flucht nach vorne angetreten.
Ist Ihre Biographie die Geschichte des Jungen, der mit einem Rucksack auszog, um die Fußballwelt zu erobern?
Heiner Backhaus: Eher nicht, ich hatte sicherlich ein paar abenteuerliche Jahre, aber alles in allem ging es bei jeder Station professionell zu.
Dabei waren Sie in der der Saison 2001/02 fast oben angekommen. Sie wurden bei Hannover 96 im Zweitligaspiel gegen Unterhaching eingewechselt.
Heiner Backhaus: Da habe ich kurz gedacht, ich hätte es geschafft. Ich war 21 und wollte in die Bundesliga. Aber ich habe eben irgendwann gemerkt, dass es einfach nicht reicht. Ich war jung und ein Denker, diese Kombination war um die Jahrtausendwende überhaupt nicht gefragt. Junge Spieler musssten damals erst extrem viel investieren, um in einer Mannschaft überhaupt ernst genommen zu werden. Jungen Spielern wurde doch damals gar kein Raum gegeben, um sich frei zu entfalten. Flache Hierarchie, das war damals ein Fremdwort.
Haben Sie ein Beispiel?
Heiner Backhaus: Mit 19 habe ich bei Rot-Weiss Essen gespielt. Ich wollte alles richtig machen. Also war ich immer eine Stunde zu früh beim Training. Das war zwangsläufig so, weil ich kein Auto hatte und mit Bus und Bahn zum Training musste. Jeden Tag 45 Minuten hin und zurück. Wie gesagt, ich war immer der Erste. Da hat nie einer was gesagt, mal meinen Einsatz gelobt. Aber nur ein einziges Mal kam ich drei Minuten zu spät. Es gab ein Riesentheater in der Kabine, lauter dumme Sprüche, ich wurde einfach links liegen gelassen. Es wirkte, als hätte die Mannschaft darauf gewartet, dass ich einen Fehler mache.
Klingt im ersten Moment eher nach klassischem Kabinenhumor.
Heiner Backhaus: Das mag sein, aber meiner Meinung nach hatte das System. Noch ein Beispiel: Ich habe in Essen jedes Saisonspiel gemacht und als ich mich nach dem zehnten Spieltag das erste Mal auf die Massagebank gelegt habe, kamen sofort fünf ältere Spieler und haben mich da runtergeholt. Und das nicht unsanft.
So etwas nennt man heute Mobbing.
Heiner Backhaus: Es ist mir egal, wie man das nennt. Ich bin damit jendefalls überhaupt nicht klar gekommen. Dieser Druck, diese ständigen Sticheleien, bloß keine Schwäche zeigen. Außerdem war ich einfach zu ungedulig. Ich hatte keine Lust auf diese Spielchen und habe auch immer schön Contra gegeben. Das kam gar nicht gut an und so war ich ganz schnell verbrannt. Irgendwann hatte ich davon einfach genug. Also fragte ich mich eines Tages: „Warum soll ich mir diesen Scheiß hier in Deutschland noch antun?“ Ich packte meine Sachen und ging nach Zypern.
Und landeten 2003 bei AEK Larnaka. Deswegen die Frage an den Experten: Wie gut ist der Fußball Marke Zypern heute?
Heiner Backhaus: Die Aufhebung der Ausländerregel hat den Fußball auf Zypern massiv verändert. Bei Larnaka zum Beispiel spielt doch gar kein Zypriot mehr in der Startelf. Mit Jordi Cruyff haben sie einen richtig guten Mann als Manager, auch der Trainer Ton Caanen ist klasse. Die gesamte Liga ist durch den Strukturwandel stärker geworden. Das wird heute sicher kein Selbstläufer für den FC Schalke.
Was erwartet die Schalker in Larnaka von den Rängen?
Heiner Backhaus: AEK ist ein bürgerlicher Verein, der sich in den neunziger Jahren aus zwei anderen Vereinen gebildet hat. Der Klub hat damals lange gebraucht, um überhaupt Fans ins Stadion zu bekommen. Nach dem Pokalsieg 2004 bekommt der Klub aber immer mehr Zulauf. Der Klub ist von der Fankultur vielleicht vergleichbar mit Bayer Leverkusen, aber keinesfalls mit Schalke, Dortmund oder den Bayern. Als Beispiel: Als ich bei Jahre später Olimpiakos Nikosia gespielt habe, waren da oft mehr Zuschauer beim Training als bei einem Spiel von AEK. Was auch zu beachten ist: Auf Zypern ist der Fußball ein Poltikum.
Das heißt?
Heiner Backhaus: AEK ist ein Klub der rechten Partei und damit meine ich das bürgerliche Milieu, nicht, dass wir uns da falsch verstehen. Das klingt übel, ist aber nicht mit den Verhältnissen in Deutschland zu vergleichen. Der Präsident von AEK ist zudem ein richtig Verrückter. Der hat mal in vier Jahren 120 Transfers durchgewunken, Geld war überhaupt kein Problem. Was fehlte, war der Plan. Teilweise haben Spielerberater selbst die Verträge mit ihren Spielern gemacht. Dann ist der Klub 2009 abgestiegen und stand vor einem Scherbenhaufen.
Wie kam es dann zum Aufstieg bis in den Europapokal?
Heiner Backhaus: Man hat bei AEK einfach gemerkt, dass es so nicht mehr weiter geht. Deswegen hat man lieber einmal richtig Geld in die Hand genommen und sich einen ganz hellen Kopf als Manager geholt: Jordi Cruyff. Seit seiner Ankunft wird bei dem Klub systematisch gerarbeitet: Zum Beispiel mit punktuellen Verpflichtungen, hinter dem Verein steckt plötzlich eine Idee. Ein Jahr nach dem Aufstieg landete man auf Platz vier und erreichte das Pokalfinale. Nun steht der Klub in der Europa League. Das ging rasend schnell.
Auf Zypern hat ein anderer Deutscher Jahre vor Ihnen gute diplomatische Dienste geleistet: Rainer Rauffmann. Haben Sie ihn kennen gelernt?
Heiner Backhaus: Dank Rainer sind wir deutschen Fußballer auf Zypern sehr beliebt. Ich war zuletzt in Nikosia und da haben mich die Leute auf der Straße sogar wiedererkannt. Das ist ein tolles Gefühl, wenn plötzlich ein wildfremder Mann ein Foto mit dir machen will. Aber das ist alles kein Vergleich zu dem Hype um Rainer. In meiner Zeit in Nikosia haben wir sehr viel gemeinsam unternommen. Er ist ein Phänomen, weil er sich immer den Blick aufs große Ganze bewahrt hat. Wir sind gewissermaßen Brüder im Geiste: Durch sportlichen Misserfolg war er in Deutschland klinisch tot. Er hat dann seiner Heimat den Rücken gekehrt, weil man ihn dort nicht mehr haben wollte. Und er hat den Mut gehabt nach Zypern zu gehen, obwohl das Land zu seiner Zeit ein fußballerisches Entwicklungsland war. Heute tragen sie ihn auf Händen. Er weiß wahrscheinlich selbst nicht mehr, wann er zum letzten Mal in einem Restaurant bezahlt hat.
Zypern, Hongkong, Australien: Sie haben die halbe Welt gesehen. Welche Karrierestation war denn Ihre schönste?
Heiner Backhaus: Ganz klar, mein Jahr in Malta beim FC Valletta. Es war einfach traumhaft. Ich war Stammspieler und wir holten die erste Meisterschaft seit Jahren für den Klub. Es hat einfach alles gepasst. Wir haben nur das erste Saisonspiel verloren, danach alles gewonnen, im Wintertrainingslager haben wir sogar Juventus Turin geschlagen. Von diesen Erlebnissen zehre ich noch heute.
Sie haben beim FC Schalke in der Jugend gespielt, werden Sie beim Spiel zwischen S04 und Larnaka einen alten Mannschaftskollegen aus jungen Jahren wiedersehen?
Heiner Backhaus: Sergio Pinto und Christoph Metzelder haben damals auch bei S04 gespielt. Aber Metzelder haben sie nach einem Jahr wieder weggeschickt, weil er zu schlecht war. Eigentlich widersprüchlich, denn später wurde er Nationalspieler und ging zu Real Madrid. Heute ist er wieder zurück auf Schalke. Daran kann man es mal sehen: Nicht jeder, der vom Hof gejagt wird, ist eine Pfeife.
Lassen Metzelder und Co. AEK überhaupt eine Chance?
Heiner Backhaus: Die Mannschaft von AEK ist gut besetzt. Da stehen elf Mann auf dem Platz, die auch schon in Ländern wie Holland oder Portugal Erstligaerfahrung gesammelt haben. Das ist eine richtige Dreckstruppe, da langt jeder richtig zu. Hinten steht Kevin Hofland drin, ein Mann wie eine Mauer, der sich mit seinen zwei Metern in jeden Ball reinhaut. Wenn Schalke meint, das heute Abend locker nach Hause spielen zu können, dann werden die sich aber umgucken. Da wird es richtig auf die Socken geben.
ncG1vNJzZmhpYZu%2FpsHNnZxnnJVkrrPAyKScpWeZmLVuw86lo62dXZm2pnnWnqOtZZWjwaWxwqScp2dkZoVyfZY%3D