No bueno! 11FREUNDE

Publish date: 2024-11-22

Es läuft die Ver­län­ge­rung im Vier­tel­fi­nale zwi­schen den Nie­der­landen und Argen­ti­nien. Eines der auf­re­gendsten Spiele bei dieser WM bis­lang. Nach der Auf­hol­jagd der Elftal drängen die Süd­ame­ri­kaner auf eine schnelle Ent­schei­dung. Ich schaue gebannt die steilen Ränge im Lusail Sta­dion hinab, als plötz­lich in der Reihe rechts hinter mir Kol­le­ginnen und Kol­legen anfangen, hek­tisch mit den Armen zu wedeln. Irgend­etwas ist pas­siert. In der Ver­län­ge­rung der Reihe, in der ich sitze, werden die Stühle her­aus­ge­reicht. Die Sicher­heits­leute in den rot-schwarzen Uni­formen, die hier jeden Winkel über­wa­chen und an vielen Kon­troll­punkten unsere Akkre­di­tie­rungen scannen, laufen hek­tisch die Tri­bü­nen­gänge auf und ab. Ein Not­arzt­team kommt her­un­ter­ge­rannt, ver­sucht offenbar, einen kol­la­bierten Reporter mit einer Trage aus der Sitz­reihe abzu­trans­por­tieren. Lässt dann aber davon ab und beginnt noch vor Ort mit Wie­der­be­le­bungs­maß­nahmen.

Im Ver­laufe eines Tur­niers laufen sich Jour­na­listen ständig über den Weg. Man sieht sich im Medi­en­zen­trum, beim Essen und abends oft in ähn­li­cher Sitz­kon­stel­la­tion auf den Rängen. Manchmal kommt man kurz ins Gespräch, muss dann aber schnell auch weiter. Meist lernt man sich nicht wirk­lich kennen, doch die Gesichter prägen sich nach einer Weile ein und sieht man sich, sagt manchmal bei­läufig Hallo!“. Es ist eine unaus­ge­spro­chene Ver­bun­den­heit, die eine WM auch in dieser Hin­sicht zu einem beson­deren Erlebnis macht. Zumal Sport­jour­na­listen nur selten unkol­le­gial han­deln. Alle sind auf eine ähn­lich para­doxe Weise vom Fuß­ball fas­zi­niert und gleich­zeitig von den Ver­for­mungen durch das Geschäft auch abge­stoßen. Kurz: Wir schwimmen alle im glei­chen Teich mit ähn­li­chen Pri­vi­le­gien und ähn­li­chen Pro­blemen.

Wahl berich­tete seit 1994

Wäh­rend die Ärzte und Sani­täter dort drüben also unter Hoch­span­nung ihren Job machen, gehen unsere Blicke bald wieder hin­unter auf den Rasen, wo die Akteure zum Elf­me­ter­schießen schreiten. Nach der Ent­schei­dung auf dem Platz sehe ich, dass da drüben etwa 15 Meter von mir ent­fernt die Ärzte noch immer im Ein­satz sind. Ich will nicht im Weg sein und ver­lasse über einen anderen Aus­gang die Tri­büne.

Heute morgen lese ich die erschüt­ternde Nach­richt: Grant Wahl, der bekannte Kolum­nist und US-Reporter von CBS Sports, ist an den Folgen eines Herz­in­farkts gestorben. Seit 1994 berich­tete er regel­mäßig von der Fuß­ball-WM, dafür war er in Katar aus­ge­zeichnet worden. Wäh­rend des lau­fenden Tur­niers war er schon einmal mit den kata­ri­schen Sicher­heits­kräften in Kon­takt gekommen, als ihn Secu­rity-Leute anwiesen, das T‑Shirt mit der Regen­bo­gen­flagge, das er bei einem Spiel im Ahmad bin Ali Sta­dion trug, aus­zu­ziehen.

Drei Wochen mit hoher Belas­tung

Noch am Montag hatte Wahl in seinem WM-Blog geschrieben, dass er sich auf­grund von Unwohl­sein in Doha in ärzt­liche Behand­lung begeben habe: Drei Wochen mit wenig Schlaf, hohem Stress und sehr viel Arbeit haben dazu geführt, dass mein Körper schlapp macht,“ schrieb er, was anfangs eine Erkäl­tung war, hat sich in der Nacht des Ach­tel­fi­nals zwi­schen den USA und den Nie­der­landen in etwas Erns­teres ent­wi­ckelt. (…) Nun habe ich Anti­bio­tika bekommen und (…) es geht mir ein biss­chen besser. Aber noch immer: No bueno!”

Dass an diesem Abend im Lusail Sta­dion nach der ersten Halb­zeit die Kli­ma­an­lage wie bei so vielen Spielen dieser WM wieder eisige Luft auf die Tri­bünen fächert, wird den ange­schla­genen Körper des 49-jäh­rigen Kol­legen noch zusätz­lich unter Stress gesetzt haben. Im tosenden Lärm des mit 88 235 Zuschauern aus­ver­kauften Lusail Sta­dions stirbt Grant Wahl, wäh­rend unten auf dem Rasen ein Fuß­ball­spiel völlig unbe­hel­ligt davon seinen Lauf nimmt.

Die WM geht weiter, als sei nichts gewesen

Wahls Gattin, Celine Gounder, die wäh­rend der Corona-Pan­demie in der Viro­logen-Taskforce von Prä­si­dent Joe Biden mit­ar­bei­tete, schreibt noch in der Nacht auf Twitter. Ich bin sehr dankbar für die Unter­stüt­zung, die meinem Mann durch die Fuß­ball­fa­milie und so viele Freunde ges­tern Nacht zuteil­ge­worden ist. Ich bin kom­plett unter Schock.”

Auch mich beschleicht ein eigen­ar­tiges Gefühl, dass ich ges­tern Abend nach nur einem kurzen Blick zur Seite meine Augen wieder auf das Spiel­feld gerichtet habe, wäh­rend nur ein paar Meter von mir ent­fernt ein Kol­lege um sein Leben kämpfte. Wie kann es sein, dass ich ein­fach weiter an der Bewer­tung eines Fuß­ball­spiels arbeite, wäh­rend sich gleich neben mir eine echte Tra­gödie ereignet? Das Leben schreibt komi­sche Geschichten, doch der Tod ist oft grausam banal. Manchmal wäre es gut, kurz inne zu halten. Auch wenn in ein paar Stunden schon das nächste Vier­tel­fi­nal­match ange­pfiffen wird und die WM wei­ter­geht, als sei nichts gewesen.

ncG1vNJzZmhpYZu%2FpsHNnZxnnJVkrrPAyKScpWeepHqjwcSnpmhvZG1%2Fc3yR