No bueno! 11FREUNDE

Es läuft die Verlängerung im Viertelfinale zwischen den Niederlanden und Argentinien. Eines der aufregendsten Spiele bei dieser WM bislang. Nach der Aufholjagd der Elftal drängen die Südamerikaner auf eine schnelle Entscheidung. Ich schaue gebannt die steilen Ränge im Lusail Stadion hinab, als plötzlich in der Reihe rechts hinter mir Kolleginnen und Kollegen anfangen, hektisch mit den Armen zu wedeln. Irgendetwas ist passiert. In der Verlängerung der Reihe, in der ich sitze, werden die Stühle herausgereicht. Die Sicherheitsleute in den rot-schwarzen Uniformen, die hier jeden Winkel überwachen und an vielen Kontrollpunkten unsere Akkreditierungen scannen, laufen hektisch die Tribünengänge auf und ab. Ein Notarztteam kommt heruntergerannt, versucht offenbar, einen kollabierten Reporter mit einer Trage aus der Sitzreihe abzutransportieren. Lässt dann aber davon ab und beginnt noch vor Ort mit Wiederbelebungsmaßnahmen.
Im Verlaufe eines Turniers laufen sich Journalisten ständig über den Weg. Man sieht sich im Medienzentrum, beim Essen und abends oft in ähnlicher Sitzkonstellation auf den Rängen. Manchmal kommt man kurz ins Gespräch, muss dann aber schnell auch weiter. Meist lernt man sich nicht wirklich kennen, doch die Gesichter prägen sich nach einer Weile ein und sieht man sich, sagt manchmal beiläufig „Hallo!“. Es ist eine unausgesprochene Verbundenheit, die eine WM auch in dieser Hinsicht zu einem besonderen Erlebnis macht. Zumal Sportjournalisten nur selten unkollegial handeln. Alle sind auf eine ähnlich paradoxe Weise vom Fußball fasziniert und gleichzeitig von den Verformungen durch das Geschäft auch abgestoßen. Kurz: Wir schwimmen alle im gleichen Teich mit ähnlichen Privilegien und ähnlichen Problemen.
Wahl berichtete seit 1994
Während die Ärzte und Sanitäter dort drüben also unter Hochspannung ihren Job machen, gehen unsere Blicke bald wieder hinunter auf den Rasen, wo die Akteure zum Elfmeterschießen schreiten. Nach der Entscheidung auf dem Platz sehe ich, dass da drüben etwa 15 Meter von mir entfernt die Ärzte noch immer im Einsatz sind. Ich will nicht im Weg sein und verlasse über einen anderen Ausgang die Tribüne.
Heute morgen lese ich die erschütternde Nachricht: Grant Wahl, der bekannte Kolumnist und US-Reporter von CBS Sports, ist an den Folgen eines Herzinfarkts gestorben. Seit 1994 berichtete er regelmäßig von der Fußball-WM, dafür war er in Katar ausgezeichnet worden. Während des laufenden Turniers war er schon einmal mit den katarischen Sicherheitskräften in Kontakt gekommen, als ihn Security-Leute anwiesen, das T‑Shirt mit der Regenbogenflagge, das er bei einem Spiel im Ahmad bin Ali Stadion trug, auszuziehen.
Drei Wochen mit hoher Belastung
Noch am Montag hatte Wahl in seinem WM-Blog geschrieben, dass er sich aufgrund von Unwohlsein in Doha in ärztliche Behandlung begeben habe: „Drei Wochen mit wenig Schlaf, hohem Stress und sehr viel Arbeit haben dazu geführt, dass mein Körper schlapp macht,“ schrieb er, „was anfangs eine Erkältung war, hat sich in der Nacht des Achtelfinals zwischen den USA und den Niederlanden in etwas Ernsteres entwickelt. (…) Nun habe ich Antibiotika bekommen und (…) es geht mir ein bisschen besser. Aber noch immer: No bueno!”
Dass an diesem Abend im Lusail Stadion nach der ersten Halbzeit die Klimaanlage wie bei so vielen Spielen dieser WM wieder eisige Luft auf die Tribünen fächert, wird den angeschlagenen Körper des 49-jährigen Kollegen noch zusätzlich unter Stress gesetzt haben. Im tosenden Lärm des mit 88 235 Zuschauern ausverkauften Lusail Stadions stirbt Grant Wahl, während unten auf dem Rasen ein Fußballspiel völlig unbehelligt davon seinen Lauf nimmt.
Die WM geht weiter, als sei nichts gewesen
Wahls Gattin, Celine Gounder, die während der Corona-Pandemie in der Virologen-Taskforce von Präsident Joe Biden mitarbeitete, schreibt noch in der Nacht auf Twitter. „Ich bin sehr dankbar für die Unterstützung, die meinem Mann durch die Fußballfamilie und so viele Freunde gestern Nacht zuteilgeworden ist. Ich bin komplett unter Schock.”
Auch mich beschleicht ein eigenartiges Gefühl, dass ich gestern Abend nach nur einem kurzen Blick zur Seite meine Augen wieder auf das Spielfeld gerichtet habe, während nur ein paar Meter von mir entfernt ein Kollege um sein Leben kämpfte. Wie kann es sein, dass ich einfach weiter an der Bewertung eines Fußballspiels arbeite, während sich gleich neben mir eine echte Tragödie ereignet? Das Leben schreibt komische Geschichten, doch der Tod ist oft grausam banal. Manchmal wäre es gut, kurz inne zu halten. Auch wenn in ein paar Stunden schon das nächste Viertelfinalmatch angepfiffen wird und die WM weitergeht, als sei nichts gewesen.
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